Neue Väter brauchen neue Mütter

Neue Väter brauchen neue Mütter - Margrit StammDie Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm legt hier eine interessante und zutreffende Analyse sowohl der neuen Vaterrolle als auch der Vereinbarkeitsproblematik „Beruf und Familie“ vor. Sie widerspricht damit vehement der über die Medien gesteuerten aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte zum Thema und zeigt zum Schluss die neuralgischen Punkte auf, die bei kritischer Beachtung Wege für eine neue private Familiengestaltung und eine Kurskorrektur in der Familienpolitik aufzeigen.

Solch starke Forderungen müssen genau erklärt werden. Das geschieht über die Darstellung der Veränderungen, die heutigen Vätern eine andere Rolle zugewiesen haben, als dies in der vorherigen Generation üblich war, wo die Anpassung der Männer an eine neue Vaterrolle zwar schon weit fortgeschritten jedoch noch eher diffus daher kam.

Die unterschiedlichen Arrangements und Motive bei der Übernahme der neuen Vaterrolle werden ebenso erläutert wie die positiven Auswirkungen auf die Beziehung zu den Kindern; denn egal, ob der Vater nur wenig anwesend ist oder viel, solange er sich der Aufgabe als Vater aus Überzeugung stellt, fördert dies die Entwicklung der Kinder.

Neue Vater-Rolle muss von Müttern gewollt sein

Im Alltag jedoch gibt es viele Hindernisse, die auch mit dem Verhalten der Mütter zu tun haben. Margrit Schramm gibt dazu Beispiele und fordert immer wieder ein Umdenken der Frauen im Hinblick auf das Zugestehen der eigenen väterlichen Umgangsweise mit den Kindern und seinem Handeln im Haushalt. Ihre Argumentationen und Darstellungen basieren neben der Reflektion der öffentlichen Meinung auf einer eigenen Studie (Tarzan-Studie), mit der sie das Vaterschaftskonzept heutiger Väter erforscht hat im Hinblick auf Fürsorgeleistungen, Verantwortlichkeit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Das Vereinbarkeitsdilemma nimmt naturgemäß einen großen Teil der weiteren Diskussion in Anspruch, da sich in heutigen Familien fast alles darum dreht. Hier plädiert die Autorin nach grundlegenden Überlegungen zu den verschiedenen Formen der Erwerbsarbeit dafür, die unterschiedlichen Erwerbsmodelle zu akzeptieren ohne eines davon als das Nonplusultra festzulegen. Dies gilt insbesondere für die mehrheitlich gewählte Form der Vollzeit/Teilzeit-Berufstätigkeit, die vorrangig den Müttern mehr Zeit für ihre Kinder lässt. Dass daraus die Deutungshoheit der Mütter in Familiendingen resultiert, lässt sie nicht gelten, besonders wenn das zur Folge hat, dass die Väter bei der Familien- und Hausarbeit außen vor sind. Ein Perspektivwechsel für die Lösung des Vereinbarkeitsdilemmas erfordert nach ihrer Ansicht neue Denkweisen und die Berücksichtigung aller Leistungen von Vätern über die gesamte Familienzeit hinweg.

Jede Familie sollte eigene Entscheidung über Vereinbarkeitsmodelle treffen

Die Stärken des Buches liegen auch in den konkreten Vorschlägen über die Lebensplanentwürfe von Müttern und Vätern, die frei von gesellschaftspolitischer Idealisierung jede privat gewählte Erwerbs- und Familienform ermöglichen sollten. Dazu muss sich neben neuen Denkweisen bei Arbeitgebern das Familienministerium vom derzeit reinen Frauenministerium dahin entwickelt, dass sowohl die Väter als auch die Kinder innerhalb der Familie im Blick sind; denn derzeit konzentriert sich das BMFSFJ noch zu sehr auf die Bereitstellung von Betreuungsplätzen für Kinder. Das bedeutet nach Sicht der Rezensentin, die Familienpolitik muss runderneuert werden insofern, als nicht nur die Vollzeit/Vollzeitberufstätigkeit belohnt wird, sondern auch die anderen Formen konkret unterstützt werden, besonders durch Anerkennung der Familienarbeit, indem Rentenpunkte auf gleichem Niveau wie bei Vollerwerb angerechnet werden.

Eine neue Form der Familiengestaltung, die Margrit Stamm im Umdenken besonders bei den Müttern sieht, benötigt jedoch noch ein paar zusätzliche Informationen, die nicht ganz auf der Linie der Autorin sind: Es geht um die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die gemäß Margrit Schramm nicht auf „Hormone“ zurückzuführen, sondern sozialisationsbedingt sind. Die durch den Feminismus völlig zurückgedrängte Sichtweise, dass Männer und Frauen entsprechend ihrer vorgeburtlichen Hormonausstattung unterschiedliche Wahrnehmungs- und Denkweisen haben, enthält eine Menge Erklärungspotential für viele Konflikte im Alltag.

Unterschiedliche Voraussetzungen für Väter und Mütter

Es reicht also nicht, von Unterschieden auszugehen, sondern es wäre hilfreich, diese genau zu kennen: Dass Mütter das familiäre Organisationsbüro im Kopf haben, hat mit der besonderen Denkstruktur der meisten Frauen zu tun. Durch den verstärkten Balken zwischen beiden Gehirnhälften und der größeren Menge an weißer Gehirnmasse (beides führt zu einer schnelleren und besseren Wahrnehmung) haben sie automatisch alle Dinge im Kopf, die noch zu erledigen sind. Auch wenn sie Aufgaben an die Väter abgeben, bleiben diese Dinge präsent. Dagegen haben die Väter keine Chance, zumal ihr eigenes Denkmuster ihnen spontan ermöglicht, sich abzugrenzen, wenn es kritisch wird (weitere Informationen dazu s. Butzmann, Elternkompetenzen stärken, S. 12 ff.). Erst mit solchem Wissen lässt sich eine neue private Familiengestaltung so planen, dass beide sich in ihren besonderen Fähigkeiten und Unfähigkeiten ergänzen und unterstützen.

Die von Margrit Stamm vorgelegte Analyse, wie Familie unter Berücksichtigung der besonderen Rolle der Väter gemeinsam gelingen kann, ist geeignet, die Debatte über die Neugestaltung des Familienlebens und der Familienpolitik erheblich voranzutreiben. Ein Weiterdenken in dieser Richtung könnte dazu führen, Familie als Angelpunkt in einer sich rasend schnell entwickelnden Gesellschaft zu etablieren.

Dr. Erika Butzmann

Das Buch:
Margrit Stamm: Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt.
Piper Verlag GmbH
€ 24,00
304 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-05869-8

Die Autorin:

Margrit Stamm
Margrit Stamm

Margrit Stamm war bis 2012 Ordentliche Professorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialisation und Humanentwicklung an der Universität Fribourg. Seit Oktober 2012 ist sie Direktorin des Swiss Institute for Educational Issues mit Sitz in Bern. Sie ist zudem Gründerin des Universitären Zentrums für frühkindliche Bildung Fribourg ZeFF. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die frühkindliche Bildungsforschung; Talententwicklung und Bildungslaufbahnen vom Vorschulalter bis zum späten Erwachsenenalter, sowie Berufsbildungsforschung und Migration. Margrit Stamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Die Rezensentin:

Erika Butzmann
Erika Butzmann

Dr. Erika Butzmann, verheiratet, 2 Kinder, 4 Enkelkinder, Studium der Erziehungswissenschaften und der Psychologie, Promotion zur sozial-kognitiven Entwicklung im Kindesalter  im Jahr 2000. Seit 25 Jahren tätig in der Elternbildung und –beratung und in der Weiterbildung für Erzieherinnen. Von 2002 bis 2008 Lehraufträge an der Universität Bremen.

 

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