Die Modernisierung der Seele. Kind – Familie – Gesellschaft

Martin Dornes - Die Modernisierung der SeeleDer Soziologe und Entwicklungspsychologe Martin Dornes leistet in seinem umfangreichen Buch: "Die Modernisierung der Seele" eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation und die Entwicklung von Familie und Kindern. Dabei räumt er mit zahlreichen Vorurteilen auf, die immer wieder in den Medien verbreitet werden.

Wider die gängigen Vorurteile

Angeblich seien Kinder und Jugendliche heute in größerer Zahl leistungsunwillig, oberflächlich, orientierungslos und psychisch und körperlich instabil. Die Eltern wären den modernen Anforderungen an Erziehung und Bildung zu wenig gewachsen, was unter anderem zu jugendlichen Exzessen sowie Leistungsversagen führe.

Dornes setzt diesen einseitigen Aussagen umfangreiche Forschungsergebnisse entgegen. Eltern sind heute in großer Mehrzahl kompetent im Umgang mit ihren Kindern, engagiert und bereit, ihnen viel Zeit zu widmen, mehr als jemals zuvor. Ihr Erziehungsstil ist partnerschaftlicher geworden, die früher häufige Befehlsstruktur ist einer Kultur des Dialogs, des Beziehungsaustauschs, der Verhandlung und der emotionalen Nähe gewichen.

Partnerschaftliche Erziehungsstile und elterliche Kompetenz ermöglichen eine „postheroischer Persönlichkeit“

Das kommt den Kindern und Jugendlichen zugute. 90 % fühlen sich zu Hause wohl, auch im Jugendalter. Der partnerschaftliche Stil führt zu mehr Kompetenz, Selbständigkeit und Wissen der Kinder und Jugendlichen. Pubertätskonflikte haben sich gegenüber früher durchschnittlich gemäßigt, zunehmende Autonomie muss kein Widerspruch zu weiterhin guten Beziehungen zu den Eltern sein. Nach der neuesten Shell-Jugendstudie sind die Heranwachsenden weitgehend selbstbewusst und kommen gut mit den an sie gestellten Anforderungen zurecht. Sie sind auch stärker sozial engagiert als früher. So gehen 33 % der Jugendlichen regelmäßig, 42 % gelegentlich freiwillig sozialen Tätigkeiten nach.

Dornes spricht von „postheroischer Persönlichkeit“. Statt starrer Standfestigkeit und festgefahrenen Abwehrmechanismen zeigen Heranwachsende nun vermehrt Flexibilität, Lebendigkeit, Selbstorganisation und freiwillige, situationsbezogene moralische Überzeugungen. All das aber ist nicht unbedingt mit mehr Stabilität verbunden. Heranwachsenden sind heute gelegentlich unkonzentrierter und offensichtlich weniger belastbar als früher. Letzteres zeigt sich etwa darin, dass sie auf kritischen Lebenssituationen häufiger mit körperlichen Symptomen reagieren.

Die Kehrseite der Medaille: Vernachlässigung und Misshandlung

Natürlich gibt es auch heute Familien mit Problemen. Dornes führt an, dass Eltern zu 15 – 20 % Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Kindern haben, wovon die Hälfte Erziehungsprobleme zeigt, die andere vernachlässigt oder misshandelt ihre Kinder und Jugendlichen. Ca. 17 % der Kinder und Jugendlichen zeigen psychische Probleme, die Hälfte davon ist beratungs- oder therapiebedürftig. Die Zahl der psychogenen Krankheiten hat allerdings gegenüber den letzten Jahrzehnten, entgegen manchen Behauptungen, bei Kindern und Jugendlichen nicht zugenommen. Wohl aber hat sich das Krankheitsbild etwas verändert. Bei Heranwachsenden stehen derzeit Ängste, Dissozialität und Depressionen im Vordergrund.

Krasse Fälle von elterlichem Erziehungsversagen werden in der Presse aufgebauscht und nur zu leicht verallgemeinert, denn „bad news are good news“. Dornes setzt dem entgegen, dass „in keiner anderen Generation das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern und Kindern so entspannt und solidarisch“ war. (S. 243)

Funktionsverlust der Familie

Allerdings ist in unserer komplexen Gesellschaft mit ihren hochdifferenzierten Subsystemen ein Funktionsverlust der Familie zu verzeichnen. Durch den schnellen gesellschaftlichen Wandel sind Väter oft nicht mehr unbedingt Vorbild für die gesellschaftliche Integration. Nun stehen die emotionale Beziehung zu den Eltern und die Prägung der Persönlichkeit der Kinder durch die Familie im Vordergrund.

Kinder bekommen hier Anregungen bezüglich Lebensgestaltung, beruflicher Perspektiven, Konflikten in Schule und Freizeitgestaltung. Gespräche mit Gleichaltrigen haben der Beziehung zu den Eltern keinen Abbruch getan. Allerdings hat sich deren Autorität von der "Amtsautorität" in eine eher persönliche Autorität gewandelt. Ist sie erfüllt mit stabiler Verbundenheit, Wärme und autoritativem, zugewandtem und grenzsetzendem Erziehungsverhalten, so ist sie autoritätsfördernd.

Weiträumiger Überblick mit wenigen Lücken

Dornes führt auch zahlreiche abweichende Studien an und setzt sich mit ihnen auseinander. Die Fülle des dargebotenen Materials hilft dem Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden. In der Tat muss nicht jede Schlussfolgerung des Autors von allen geteilt werden. Fraglich ist, ob in Studien oft verwandte Befragungen, etwa mit Hilfe von Fragebögen, immer einen erschöpfenden Aussagewert haben.

Es bleibend Zweifel, ob der zunehmende Mediengebrauch von Kindern und Jugendlichen normalerweise so harmlos ist, wie vom Autor angemerkt. Auch fehlt noch eine Auseinandersetzung mit der Stressforschung bezüglich der Folgen zunehmender Fremdbetreuung von sehr kleinen Kindern. Zumindest aber rät Dornes zur Vorsicht vor Vollzeit-Berufstätigkeit von beiden Eltern schon bei kleinen Kindern.

Wenig wird auf die Probleme von Migrantenkindern eingegangen. Insgesamt aber macht der Autor wichtige und gut untermauerte Aussagen bezüglich Familien sowie Kindern und Jugendlichen, welche ihr positives Bild hervorhebt und ihr derzeit nicht selten verbreitetes negatives Image entschieden zurückweist.

Das Buch:
Martin Dornes
Die Modernisierung der Seele – Kind-Familie-Gesellschaft
Fischer Taschenbuch
Jahr: 2012 (1. Auflage)
528 Seiten
€ 12,99
ISBN/EAN: 978-3-596-19405-6

Rezensiert von:
Burghard Behncke,

Burghard BehnckeDiplom-Pädagoge, freier Schriftsteller in Berlin. Verheiratet, vier Kinder. Ehemals Dozent für Psychologie und Pädagogik an Fachschule für Sozialpädagogik, langjähriger Leiter einer sozialpädagogischen Bildungseinrichtung. Veröffentlichungen zu Pädagogik, Psychologie und  Didaktik mit den Schwerpunkten: Entwicklung des Kindes in der Familie und in der außerfamiliären Betreuung.

 

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