Jedes Kind reagiert anders - und seine Reaktionen sind auf jeden Fall ernst zu nehmen

Burghard Behncke zur Eingewöhnung in die Krippe
Burghard Behncke

Sehr anschaulich beschreiben Sie das Problem Ihrer vierzehn Monate alten Tochter bei ihrer Eingewöhnung in die Kinderkrippe nach dem Berliner Modell sowie ihr eigenes diesbezügliche Leiden. Es ist sicher für Sie kein Trost, dass zahlreiche Mütter  bei Krippeneintritt ihrer kleinen Kinder und der damit verbundenen Trennung von ihnen ähnliches erleben. Online-Foren sind voll von solchen Schilderungen und auch so manche morgendlichen  Abschiedsszenen in und vor Kinderkrippen sprechen Bände.

Sind die Reaktionen Ihrer Tochter normal, wie die Erzieherinnen behaupten?

Sie sind normal, allerdings in der Weise, dass Ihr Kind sich heftig gegen das wehren, was ihr unzumutbar und beängstigend erscheint: ihre Mutter, die sie liebt und dringend braucht, gegen ihren Willen für eine in ihrem Alter nicht abschätzbare Zeit aufzugeben, und das für eine beschäftigte Erzieherin, die sie mit nicht wenigen anderen Kindern teilen muss. Diese Situation erzeugt bei ihr Stress und kostet Kraft. Ihr innerer Zustand wird dann auch nachts deutlich: Verzweiflung, Trauer, Enttäuschung.

All dies sind normale Reaktionen und Sie können stolz darauf sein, dass Ihre Tochter sie vital auszudrücken vermag. Manche anderen kleinen Kinder nehmen diese völlig neue Situation bald hin, fügen sich angeblich schnell ein, spielen dann vielleicht still für sich. Aber Studien zeigen, dass auch sie oft unter erheblichem Stress leiden. Auch Ihr Kind und andere Protestierende werden sich beruhigen, jedenfalls nach außen hin. Aber was heißt das?

Trennungs-Stress auch noch nach der Eingewöhnung

Krippenkinder im Stress
Jedes Kind reagiert anders -
Foto: fotolia-Robert-Kneschke

Eine deutsche Studie belegt, dass bei den untersuchten 15 Monate alten Krippenkindern der Stress während und nach der Eingewöhnungszeit im Durchschnitt erheblich war. Die anhand des Mundspeichels gemessenen Werte des Stresshormons Cortisol lagen nach ihrer Trennung von ihren Müttern gegenüber den vorherigen häuslichen um 70 bis 100 % höher! Selbst bei 5 Monaten Aufenthalt in der Krippe - mit 40 Stunden pro Woche - waren die Werte im Durchschnitt noch ca. ein Drittel höher als die ursprünglich zu Hause gemessenen.

Natürlich ist die Eingewöhnung in der Kinderkrippe zu begrüßen, aber sie mildert nur sehr begrenzt den Stress. Auch ist zu berücksichtigen, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Jedes Krippenkind reagiert anders, manche vertragen den Aufenthalt dort besser als andere. Aber die Problematik kann nicht geleugnet werden.

Im Einklang mit einer aufwändigen und umfangreichen Untersuchung in den USA muss festgestellt werden, dass für Kleinkind umso mehr Risiken bezüglich seelischer und körperlicher Beeinträchtigungen bestehen, je früher im Alter und umfangreicher an Stunden pro Woche sie in einer Kinderkrippe untergebracht werden. Diese Folgen können langfristig sein.

Natürlich spielt auch die Qualität der Einrichtung eine Rolle. Aber selbst wenn sie gut oder sehr gut ist – was bei uns eher  selten vorkommt -, ist ein Entwicklungsrisiko vorhanden. Solche Informationen gelangen leider zu selten an die Öffentlichkeit, schon gar nicht durch unsere Regierung.

Welche Folgerungen können daraus gezogen werden?

Auf jeden Fall sind direkte und indirekte emotionale Vorbehalte des Kleinkindes auf den Eintritt und Aufenthalt in einer Krippe ernst zu nehmen. Der Kontakt zur eigenen Familie und gerade zur Mutter ist und bleibt für das Kind von hoher Bedeutung und seine Reduzierung ist schmerzhaft. Es ist zu überlegen, ob ein Kleinkind erst einmal zu Hause bleiben kann. Ist es bereits in der Einrichtung und kommt schlecht damit zurecht, so könnte eine Rückstellung in Erwägung gezogen werden.

Ein Eintritt in eine Kindertagesstätte mit drei Jahren  ist normalerweise nicht problematisch, ja kann das Kind auch bereichern und fördern. Aber wenn ein häuslicher Aufenthalt bis dahin aus finanziellen Gründen nicht machbar ist, bei der derzeitigen Familienpolitik leider keine Seltenheit, sollte der Krippenaufenthalt so kurz wie irgend möglich gehalten werden.

Auch könnten Alternativen erwogen werden. Denkbar wären die Hilfe  einer vertrauten Verwandten, ein Aufenthalt bei einer Pflegemutter bzw. -familie mit wenigen Kindern oder die Einstellung einer geeignete Fachkraft  mittels Selbstorganisation weniger Mütter. Wertvoll ist schon allein das Wissen über das Risiko von Krippenbetreuung und eine entsprechende Sensibilisierung dem eigenen Kleinkind gegenüber. Entscheiden muss jede Familie selbst, wie sie damit umgeht, zumal jede Situation eine andere ist.

Burghard Behncke

Der Autor:
Burghard Behncke, geb. in Hamburg, Diplom-Pädagoge, ehemaliger Dozent für Psychologie und Pädagogik an Fachschule für Sozialpädagogik, langjähriger Leiter einer sozialpädagogischen Bildungseinrichtung, nun freier Schriftsteller in Berlin. Veröffentlichung von zahlreichen Artikeln und zweier Bücher, vorwiegend im Bereich der Pädagogik, der Psychologie und der Didaktik. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung des Kindes in der Familie und der außerfamiliären Betreuung. Verheiratet, vier Kinder.

Auf dem Weg zur mutterlosen GesellschaftDas Buch von Burghard Behncke: Auf dem Wege zur mutterlosen Gesellschaft, hier rezensiert:
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