Eingewöhnung in die Krippe - wie und unter welchen Bedingungen?

Gabriele Pohl - Eingewöhnung in die Krippe
Gabriele Pohl

Generell gilt: wenn keine Notwendigkeit besteht, ein Kind in die Krippe zu geben, weil z.B. die Eltern arbeiten müssen, wäre eine vertraute und feste Bezugsperson, bei der das Kind sich geborgen fühlt, einer Krippe vorzuziehen. Ein Krippenkind braucht jedenfalls keine Frühförderung! Das glauben allerdings viele Eltern, weil ihnen das zunehmend suggeriert wird. In aller Ruhe sich und seine Umgebung erkunden zu lassen und den Erwachsenen in  seiner Tätigkeit nachzuahmen, gelegentlich andere Kinder zu erleben, reicht dem Kleinkind aus.

Die ersten drei Jahre sind zudem eminent wichtig für die Bindungsfähigkeit und den Aufbau von Vertrauen in die Welt. Dazu braucht es den zuverlässigen Erwachsenen.

Heute gibt es für Eltern gute Gründe, ein Kind in die Krippe zu geben. Eine sorgfältige Wahl bei der Krippe wäre wünschenswert, wenn auch leider nicht immer machbar. Ein Krippenkind kann nur eine kleine Kindergruppe verkraften und sollte nicht einem häufigen Personalwechsel ausgesetzt sein.

Entwicklung einer sicheren Bindung

Jedes Kind hat das natürliche Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Durch die zuverlässige Befriedigung seiner Grundbedürfnisse (Hunger, Durst, Schlafen, Nähe etc.) entsteht eine sichere Bindung zwischen dem Kind und der Hauptbezugsperson.

Diese Bindung ist die Voraussetzung dafür, dass das Kind seinem Drang, die Umwelt zu erforschen, nachgehen und sich entwickeln kann. Ein guter Bindungsaufbau ist für das Wohlbefinden und folglich für die seelische Gesundheit des Kindes zu einem großen Teil mit verantwortlich. Ebenso wird in der frühen Kindheit das Bindungsverhalten für das gesamte Leben angelegt.

Es ist daher besonders wichtig, dass jedes Kind auch in der Einrichtung eine feste, zuverlassige und konstante Bezugsperson hat.

Die Bindung zu dieser sollte langsam und schrittweise während des  Eingewöhnungsprozesses aufgebaut werden.

Die Rolle der Bezugserzieherin

Eltern und Erzieherin lernen sich in der Regel beim Aufnahmegespräch und beim Elternabend kennen. Die Bezugserzieherin wird dann zur Begleiterin des Kindes; sie übernimmt schrittweise die Pflege und Versorgung und wird, wenn die Eltern nicht mehr mit in der Einrichtung sind, zur Trösterin und Begleiterin des Kindes. Für die Eltern ist sie die Gesprächspartnerin für alle Fragen, die ihr Kind betreffen.

Der Ablauf der Eingewöhnung

So viel Zeit bedarf die gelingende Eingewöhnung eines Kindes: Mindestens drei Wochen,
individuell auch länger. Auch Kinder, die bereits Erfahrung z.B. mit einer Tagesmutter oder einem Spielkreis haben, brauchen ihre Zeit des Ankommens und des Vertrautwerdens in einer neuen Umgebung.

So sollte der Ablauf sein:

In der Grundphase begleiten die Eltern ihr Kind und sind für es da. Die Eltern sind an den ersten drei Tagen nur ein bis eineinhalb Stunden in der Krippe. In diesen Anfangstagen nimmt die Erzieherin nur dezent Kontakt zu dem Kind auf, begleitet die Eltern aber durch den Tag. Jeden Morgen besprechen sie miteinander, wie das Kind den vorigen Tag verkraftet hat, und wie der Plan für das weitere Vorgehen ist.

Nach drei Tagen beginnt die Zeit, in der die ersten „Trennungsversuche“ stattfinden. In enger Absprache mit der Bezugserzieherin verabschieden sich die Eltern von ihrem Kind, um kurz den Raum zu verlassen. Nun beginnt es zu üben, sich im fremden Raum, mit fremden Spielkameraden, von einer anderen Person trösten zu lassen. Dabei sollte besonders achtsam mit den Kinder umgegangen werden, damit sie nicht überfordert werden.

Täglich wird die Anwesenheitszeit der Eltern ausgeweitet, ebenso die Trennungszeit. In der Regel ist es so, dass das Kind nach zwei Wochen in der Lage ist, den ganzen Vormittag über in der Krippe zu verbringen, und dabei ca. zwei Stunden auf die Eltern zu verzichten. Der Schritt dahin, dass ein Kind morgens nur noch kurz die Begleitung der Eltern braucht, um anzukommen, und die Eltern dann gegen Mittag wieder kommen, ist dann nun nur noch ein kleiner.

Während der Stabilisierungsphase und der geglückten Trennung lebt sich das Kind Schritt für Schritt in die Gruppe ein. Diese Zeit dauert, je nach Kind, verschieden lang. Innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen jedoch kommt das Kind zu einer solch großen Sicherheit, dass der Mittagsschlaf auch ohne Probleme möglich sein wird. Hier sollten die Eltern noch mal drei Tage während der Mittagszeit in der Krippe verbringen, bis ihr Kind diesen Schritt auch noch geschafft hat und den ganzen Betreuungszeitraum mit gutem Gefühl bei den Erziehern verbringen kann.

Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn sich ein Kind von seiner Bezugserzieherin trösten lässt und gut in den Schlaf findet.

Ein Kind dauerhaft weinen zu lassen bei ihm wenig bekannten Menschen und es damit einer für das Kind bedrohlichen Situation (weil die Mutter fort ist) auszusetzen, ist sehr bedenklich. Das Vertrauen des Kindes wird dadurch nachhaltig erschüttert. Behutsamkeit ist hier gefordert und Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse des einzelnen Kindes. Ein Programm „Wir machen das hier immer so“ wird dem Kind sicher nicht gerecht. Gefragt ist aber auch das Vertrauen der Eltern in die Erzieher. Wenn die Eltern nicht loslassen können, kann das Kind das erst recht nicht.

Gabriele Pohl

Die Autorin:
Gabriele Pohl, Jahrgang 1952, Diplompädagogin und Psychotherapeutin (HPG), tiefenpsychologische und systemische Ausbildung,verheiratet, Mutter von 5 erwachsenen Kindern, Grossmutter von 13 Enkelkindern. Mitbegründerin und pädagogische Leiterin von ZWISCHENRAUM für lebensnahes Lernen, für Individualentwicklung und seelische Gesundung , ein intensiv-pädagogisches timeout-Projekt für Kinder und Jugendliche (www.zwischenraum-mannheim.de)

Beiträge von Gabriele Pohl auf diesen Seiten:
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Ich nenne sie Elfenkinder - Ein Plädoyer für die Empfindsamen und Zartfühlenden
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Ein bisschen Bullerbü?
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Was braucht das Kind für seine Entwicklung - und was nicht?
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Rezensionen zu Büchern von Gabriele Pohl auf diesen Seiten:
Ein hoch auf die Familie
https://www.fuerkinder.org/mediathek/buecher/805-ein-hoch-auf-die-familie-zukunfts-nicht-auslaufmodell
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https://www.fuerkinder.org/mediathek/buecher/868-angsthasen-albtraeumer-und-alltagshelden-gabriele-pohl

 

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