Wider den Anti-Mutter-Wahn

Bestseller-Autorin Birgit Kelle kämpft für einen neuen Feminismus, der die aktive Mutterschaft mit einbezieht und Frauen ihre Weiblichkeit lässt

Muttertier, Birgit KelleDer Untertitel sitzt. Birgit Kelles neues Buch „Muttertier“ ist wirklich „Eine Ansage“ und sollte künftig in keinem Haushalt fehlen - gern so platziert, dass man immer wieder nachschlagen und sich in Erinnerung rufen kann, was dort Schwarz auf Weiß steht. Denn es könnte sein, dass die nächste Tagesschau oder Talkshow, der nächste Feuilletonartikel oder der nächste Verwandten- oder Freundesbesuch unser Gehirn schon wieder derart gewaschen hat, dass wir Kelles so wichtigen Inhalt vergessen haben. Gerade für Mütter, die sich daheim um ihre Kinder kümmern und deswegen auf berufliches Fortkommen, auf „gesellschaftliche Teilhabe“, wie es immer so schön heißt, oder gar Karriere verzichten. Und die deswegen von allen möglichen Seiten zur Schnecke gemacht werden, bisweilen sogar von ihren eigenen Männern.

Weg von den „faulen Säcken“, hin zu den „Helikopter-Eltern“

Einst waren Lehrer die „faulen Säcke“, aber die sind gut organisiert und haben dank ihres langjährigen Vorsitzenden Josef Kraus intelligent zurückgeschlagen. Kraus hat nämlich etwas gemacht, was eigentlich ziemlich unfair ist: er hat nicht denjenigen attackiert, der den Kollegen kollektiv eins über gebraten hat  – also den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten und heutigen Putin-Geschäftspartner Gerhard Schröder (SPD) - , sondern er hat die Aufmerksamkeit einfach auf eine andere, viel wehrlosere Gruppe gelenkt, auf die fortan von allen Seiten eingeprügelt werden und die man seitdem hemmungslos ins Lächerliche ziehen darf:  die „Helikopter-Eltern“.

Gemeint sind mit dem Begriff Eltern, die ihren Kindern die Schulranzen bis ins Klassenzimmern nachtragen oder sich um jede Schulnote mit den Lehrern kloppen. Mit dem Rücken zur Wand und hochrotem Kopf stehen aber jetzt plötzlich alle Eltern da, die sich eigentlich nur ganz normal um ihre Kinder kümmern. Elterliche, speziell mütterliche Fürsorge steht seitdem unter "Helikopter-Verdacht" und ist spätestens jetzt zum Abschuss freigegeben. Das Bild von den hyperbesorgten Eltern, insbesondere Müttern, kam letztlich gerade denjenigen recht, die die Bedeutung des Elternhauses für Kinder am liebsten immer schon annullieren wollten.

Mütter zahlen meist lebenslang für ihre Fürsorge

Da Eltern keine derart lautstarke Lobby haben wie die Lehrer, weil Mutter oder Vater kein geschützter Beruf, sondern Privatvergnügen ist, bleiben Eltern auf der Schelte länger – Mütter meist lebenslang – sitzen, mit allen Konsequenzen bis hin zur finanziellen Altersarmut. Wehren zwecklos.

Zumindest hatte es bislang den Anschein, denn vielen fehlen dazu auch Kraft und Mut, sie sind überfordert vom anstrengenden Alltag. In dieser Wüste vermeintlicher Zwecklosigkeit ist Kelles Muttertier“ ein echter Lichtblick. Eine echte Ansage. Ihr Werk ist mindestens so wichtig wie Kochbuch und Bibel zugleich – leider, möchte man sagen. Sämtliche Erziehungs-, Partnerschafts- und sonstige Lebens- und Liebesratgeber können wir getrost in die Tonne treten. Kelles Buch auch seinen erwachsenen Kindern an die Hand zu geben – Töchtern, Schwiegertöchtern, Söhnen, Schwiegersöhnen - wäre hingegen eine gute Idee. Es ist leidenschaftlich, tröstlich, ehrlich, warmherzig, argumentativ Spitze sowie spritzig und rhetorisch ohnehin „brillant“ (FAZ). Besser geht nicht.

Warum „Mütter“ jetzt „Frauen mit Kindern“ heißen

Kelle schafft den Spagat, ein emotional hoch aufgeladenes Thema gefühlsstark und zugleich sachlich nüchtern rüberzubringen. Und erhellend einzuordnen in eine politisch-gesellschaftliche Stimmung, die Mütter – nicht nur begrifflich, aber das auch - am liebsten gleich entsorgen will. Die vermeintlich Fortschrittlichen sprechen nur noch von  „Frauen“ oder „Frauen mit Kindern“. „Mütter“ als solche zu benennen, was sie sind, ist total out. Die Lektüre ist ein Lesegenuss und Weckruf für alle müden Geister, die kurz vor der „Hat doch eh alles keinen Sinn“-Depression stehen und damit in der Gefahr, sich am Ende womöglich einlullen zu lassen von all den Vereinbarkeits-Gender-Fanatikern.  

Nach so viel Vorschusslorbeeren kommen wir endlich zur Sache, um die es hier geht: also um kinderlose Mütter, gesellschaftliche Teilhabe, Retro-Weibchen, Mutter-Ersatzstrukturen, kontaktreiche Beziehungsarmut und – oha! – um „weibliche Frauen“. Das alles verpackt in zwölf Kapiteln praller, ungeschminkter Lebenswirklichkeit. Eigentlich, das muss man dazu sagen, ist das alles nicht wirklich neu oder spektakulär. Die Umstände und Zumutungen, die die Autorin herausarbeitet, sind so wahnsinnig normal und altbekannt. Und gerade deshalb ein Skandal. Wir kennen sie alle, nehmen das Meiste aber klaglos hin und haben uns schon dran gewöhnt, auch an die direkte oder unausgesprochene Schelte der Umwelt an unseren selbst gewählten Lebensmodellen, die wir gesenkten Hauptes viel zu oft  schuldbewusst abzunicken bereit sind, nur damit endlich Ruhe herrscht an der Front.

Muttersein muss man sich leisten können, auch mental

Für Kinder und Familie selbst sorgen zu wollen als Mutter, ist heute eine echte Provokation; ein Luxus, den man sich leisten können muss – auch mental. Anerkennung erhält diese Entscheidung so gut wie gar nicht, weder ideell noch finanziell. Mütter gelten heute als Minderleister, die dem Mann oder Staat auf der Tasche liegen, je nachdem. Kelle attackiert diesen Zustand als Zumutung und Geschmacklosigkeit. „Ich muss gleich brechen“, schreibt die vierfache Mutter und Journalistin immer wieder. Man möchte es ihr am liebsten gleich nachtun.

Kelle formuliert herrliche Sätze und Gedanken wie diese: „Es ist mir egal, wie viele Mütter mir zustimmen. Ich führe keine Statistik, sondern ein Leben.“ Oder: „Aus Sicht des Finanzministers leisten wir Mütter doch familiäre Schwarzarbeit. Wir ziehen unsere Kinder groß, ohne diese Arbeit zu versteuern.“ Auch folgender Vergleich sitzt, sollen die Hyper-Politisch-Korrekten doch Bauchschmerzen bei der Lektüre bekommen, es ist uns egal, wir müssen eh schon über so viele andere Zumutungen brechen: „Erstaunlicherweise gilt nämlich seit zwei Jahren wiederum jede ausländische Arbeitskraft, die nicht einmal der deutschen Sprache mächtig ist und nur ein Smartphone und einen dubiosen Universitätsabschluss von einer Bildungseinrichtung mit unaussprechlichem Namen besitzt, immer noch als integrierbar in den deutschen Arbeitsmarkt. Die deutschsprachige Mutter mit Uniabschluss in Deutschland ist nach drei Jahren raus aus dem Spiel. Der zugewanderte Migrant ohne Deutschkenntnisse und Berufsausbildung wird aber dringend gebraucht.“  

Mütter und Kinder sollen so früh wie möglich getrennt werden

Hat irgendjemand in diesem Land  etwa noch nicht begriffen, dass „Mütter“ nicht nur aus dem Sprachgebrauch verschwinden, sondern auch möglichst schnell nach der Geburt aus dem Haus gejagt werden sollen als „Frauen mit Kindern“? Die Begriffsumwandlung ist subtil, aber extrem wichtig: Von ihren Kindern kann man die Frauen ja dank der  Krippen- und Kitakultur bequem und immer früher befreien. Jetzt wird auch endlich klar, weshalb man den störenden „Mutter“-Begriff, bei dem das Kind so fest im Wort drinsteckt, bei dem Frau und Kind quasi eine untrennbare Symbiose bilden, so hasst: Es ist natürlich wichtig, Frauen und Kinder möglichst frühzeitig voneinander getrennt zu halten, zunächst sprachlich, dann auch faktisch.  Vielleicht tut die frühe Trennung dann nicht so weh? Vielleicht merken „Frauen mit Kindern“, derart gehirngewaschen, dann ja auch gar nicht, dass sie eigentlich „Mütter“ sind?

Die Hausfrau als sichtbarer Affront, der verschwinden muss

Den Begriff „Hausfrau“ brauchen wir hier nun wirklich nicht mehr diskutieren, spätestens seit dem unwürdigen Streit um die „Herdprämie“ ist dieses Lebensmodell ja offenkundig auf dem Scheiterhaufen der Geschichte gelandet. „Was ist das nur für ein Land, in dem wir bestrafen, wenn man einem Hundebaby die Mama nimmt, und bewundern, wenn eine Mutter ihr Kind früh abgibt, um wieder erwerbstätig zu sein?“ empört sich die blitzgescheite Autorin. Aber Hausfrauen seien ein „Affront, weil sie existieren. Weil sie immer noch da sind. Sichtbar. Solange man sie vor Augen hat mit ihren Kindern an der Hand, sind sie Erinnerung. Sie sollen weg aus dem Straßenbild, aus den Schulbüchern und den Medien, sonst funktioniert das Vergessen nicht. Das Konzept der Unsichtbarkeit.“ Ob diese Rechnung aufgeht?

Schwangere Bäuche bald nur noch in Indien?

Trotz aller öffentlicher Attacken und Umerziehversuche sind es nämlich nach wie vor wir Frauen, die Kinder gebären, stillen und großziehen. Ok, erste Versuche, das Gebärgeschäft auszulagern, gibt es ja bereits: Zumindest können einige reiche Paare – gern schwule oder lesbische Musiker oder Unternehmer, aber auch ein millionenschwerer Fußballer wie Cristiano Ronaldo samt seiner Model-Gattin – Schwangerschaften und Geburten in ferne, arme Länder auslagern und ihre „eigenen“ Kinder von billigen Leihmüttern austragen zu lassen. Damit wäre auch diese lästige Gebärgeschichte endlich aus dem hiesigen Stadtbild verschwunden. Sollen die rückständigen Inderinnen doch mit dicken Bäuchen rumlaufen, wir konzentrieren uns hier lieber ganz und gar auf unsere Model-, Sport- und Musikkarrieren.

Die meisten von uns aber, nämlich die wirklich „weiblichen Frauen“ – ja, auch das ist leider so, liebe Frau Alice Schwarzer – tun es zum Glück auch noch wirklich gern! Ausnahmen bestätigen die Regel. Kinderlose Emanzen à la Schwarzer oder Simone de Beauvoir sollten sich da gefälligst raushalten, fordert Kelle. Nur ganze acht Prozent der Frauen wollen übrigens eine Rückkehr in den Vollzeit-Job, stellte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Emnid fest. Die allermeisten Mütter sind sehr gern bei ihren Kindern.

Investiert bitte ins Original und nicht in die Ersatzstruktur!

Aber man kann es ja auf andere Art versuchen, ihnen den Abschied von ihren Blagen so schmackhaft wie möglich zu machen: indem man die Betreuung fremder Kinder belohnt, aber die der eigenen bestraft. „Erziehung und Betreuung von Kindern wird offenbar immer erst dann zur ehrbaren Arbeit und zu einer wertvollen Tätigkeit, wenn man sie an fremden Kindern verrichtet“, moniert Kelle und fragt: „Warum investieren wir nicht ins Original statt in die Ersatzstruktur?“ Statt das Heer an Erziehern, Logopäden und Ergotherapeuten zu beschäftigen und Kinder immer mehr Stunden unter staatliche Aufsicht zu stellen, was den allermeisten eher schadet als nützt, sollte das gesamte Geld in die Familien fließen. Damit dieser ganze „Ersatzstruktur“-Zirkus ein Ende hat.

Dass diese Krux einen weiteren Nachteil im Schlepptau hat, wird leicht vergessen oder bewusst ignoriert: Immer mehr Familien zerbrechen an dieser für sie schädlichen Entwicklung. Denn man nimmt ihnen nicht nur Geld, sondern frisst ihnen neuerdings auch immer mehr gemeinsame Zeit. Das Heer an „verhaltenskreativen“ Kindern wächst und wächst. Parallel dazu der Medikamentenkonsum. Schlafmittel und Ritalin ab Kindergartenalter sind heute eine Selbstverständlichkeit.

Der Platz hier reicht nicht, um den vielen Aspekten in Kelles grandiosem Buch auch nur annähernd gerecht zu werden. Man muss es schon selbst lesen. Eine bessere Anwältin können wir Mütter uns jedenfalls nicht wünschen. Unsere Kinder auch nicht.

Das Buch:
Birgit Kelle: Muttertier. Eine Ansage
Fontis Verlag
ISBN 978-3-03848-124-9
13,5 x 21 cm
240 Seiten
20,00 Euro

Birgitta vom Lehn

Brigitta vom Lehn
Brigitta vom Lehn

Birgitta vom Lehn,
ist verheiratet und Mutter von drei fast erwachsenen Söhnen. Aufgewachsen in Westfalen, ausgebildet im Rheinland, lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren als freie Journalistin in Lilienthal bei Bremen. Ihre Texte und Recherchen konzentrieren sich vor allem auf das, was mit Kindern und Familie zu tun hat. Daneben liegen ihr Bildungsfragen am Herzen.


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