Resilienz - Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft

Resilienz - Krisen in Chancen verwandelnAls Gegengewicht zur Forschung, die sich mit psychischen Störungen und ihren Ursachen beschäftigt, geht die Resilienzforschung der Frage nach, was Menschen auszeichnet, die trotz widriger Bedingungen gegenüber negativen Einflüssen Widerstand leisten und nicht daran erkranken und entgleisen, sondern daran vielleicht geradezu wachsen.

Berühmt geworden ist die sog. Kasai-Studie von Emmy Werner, in welcher sich 1/3 der Kinder, welche unter sehr ungünstigen Umständen aufwuchsen, ins Erwachsenenalter hinein und später positiv entwickelten. Gemeinsam war den meisten diesen Kindern, dass sie trotz der widrigen Umstände eine positive Beziehung zu einer unterstützenden Person hatten bzw. entwickeln konnten.

Neben dieser Studie reiht die Autorin in Fleißarbeit zahlreiche Zitate von wissenschaftlichen Autoritäten sowie Studienergebnisse von unterschiedlicher Relevanz aneinander, was ermüdend wirkt. Es geht um Merkmale von Resilienz, ihre Entstehung im Laufe der Entwicklung sowie ihre Förderung bei Kindern und Erwachsenen. Vieles deckt sich mit dem, was man auch ohne Fachkenntnisse weiß bzw. sich denken kann. Dabei wird der Begriff Resilienz so ausgeweitet, dass zu ihrer Förderung jegliche positiven pädagogischen Einflüsse in Verbindung gebracht werden können.

Interessant sind dagegen die Kapitel, in denen neuere Forschungsergebnisse zur Neurobiologie dargestellt werden, welche für die Resilienz von Bedeutung sind. Insbesondere die epigenetischen Einflüsse auf die Aktivierung von Genen durch Umwelteinflüsse und ihre langfristigen Wirkungen, teils über Generationen, lassen aufhorchen.

Bemerkenswert ist das Doppelgesicht von „Resilienzgenen“ (S. 140). Sie zeigen eine komplizierte Wechselwirkung mit der Umwelt. Der Serotonintransporter 5 – HTT in der langen Variante, einer von mehreren Resilienzgenen, kann sowohl Widerstandskraft wie auch Trübsinn erzeugen, je nach positiven oder negativen Umwelteinflüssen in der Kindheit. Die kurze Variante des Serotonintransporters führt bei frühen Misshandlungen zu Trübsinn. Bei positiven Einflüssen vermag sie vor Depressionen schützen und Widerstandskraft erzeugen.

Wissenschaftlich unhaltbar und irreführend sind dagegen die Aussagen der Autorin zur Krippenerziehung. Sie suggeriert, dass Resilienz durch diese gefördert werden kann. Man glaubt sich verlesen zu haben, wenn die Autorin schreibt: „Keine einzige seriöse Untersuchung deutet bisher auf Nachteile durch die Krippenerziehung hin“ (S. 178). Auch folgende Aussagen sind so nicht haltbar: „Wenn die Kleinen bei Mama und Papa gut aufgehoben sind, entwickeln sie sich prächtig, auch wenn sie zwischendurch viel Zeit in der Obhut von Erzieherinnen verbringen.“ Vor allem in Deutschland sei diesbezüglich häufig Ideologie, konträr zu Faktenwissen, vorhanden, denn Kinder, deren Mütter schon bald nach der Geburt wieder arbeiteten, entwickeltenn nicht häufiger Verhaltensprobleme als andere, so die Autorin. Im Gegenteil! „Längst sind sich Entwicklungspsychologen weitgehend einig darin, dass die Kleinen gerade in Krippen und Kindergärten wichtige Erfahrungen sammeln, die sie zu starken Persönlichkeiten werden lassen.“ (S. 158)

Zur NICHD–Studie schreibt sie, dass Kinder von 4 – 5 Jahren etwas aufsässiger als daheim oder bei der Tagesmutter waren. Das könne aber darauf hinweisen, dass sie selbstbewusster als andere Kinder sind. Einer der führenden Bindungsforscher, Jay Belsky hat diese Aussagen längst differenziert widerlegt. Nicht erwähnt wird, dass in der NICHD-Studie bei ehemaligen Krippenkindern Verhaltensauffälligkeiten bis ins Jugendalter festgestellt wurden und bei den entsprechen 16-Jährigen gemäß Folgeforschungen vermehrt ein bedenklich veränderte Cortisolspiegel, bedeutend bei der Stressverarbeitung, gemessen wurden. Auch weniger Antikörper waren vorhanden.

Daneben wird ein afrikanischer Stamm mit wechselnden Betreuerinnen als Beweis für ihre Aussagen zitiert, ohne die dort ganz anderen Bedingungen gegenüber unserer Krippenerziehung und unseren Familien zu reflektieren. Und schließlich meint sie: Qualität der Beziehung zum Kleinkind sei entscheidend und dürfe nicht mit Quantität verwechselt werden. Das könnte leicht zu einem Freibrief werden und Aussagen dieser Art sind längst von verschiedenen Seiten bezweifelt und kritisiert worden.
Schade, dass bezüglich der Krippenerziehung solche inkompetenten, pauschal unkritischen und beschönigenden Feststellungen getroffen werden. Dabei wäre es durchaus interessant und weiterführend, der Frage nachzugehen, welche Kleinkinder Resilienz gegenüber dem zweifellos vorhandenen Risiko der Krippenerziehung zeigen und welche Bedingungen hierfür maßgebend sind. Erste Forschungsansätze hierzu gibt es bereits.

Weitere Rezension in der ZEIT

Christina Berndt
Resilienz - Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out
Verlag: dtv 2013
280 Seiten
dtv premium
Euro 9.90 [D] 10.20 [A]
4. Auflage 2015
ISBN/EAN: 978-3-423-24976-8

Buchseite des Verlags

Bei Amazon

Burghard Behncke,

Burghard BehnckeDiplom-Pädagoge, freier Schriftsteller in Berlin. Verheiratet, vier Kinder. Ehemals Dozent für Psychologie und Pädagogik an Fachschule für Sozialpädagogik, langjähriger Leiter einer sozialpädagogischen Bildungseinrichtung. Veröffentlichungen zu Pädagogik, Psychologie und  Didaktik mit den Schwerpunkten: Entwicklung des Kindes in der Familie und in der außerfamiliären Betreuung.



"für uns" - aktuell

"für uns" - Magazin der Stiftungsinitiative "für Kinder"Die aktuelle Ausgabe des Magazin der Stiftungsintiative "für Kinder"

Familienmagazin "für-uns"

Spendenkonto

Sparkasse Stade-Altes Land

Konto: 121 001 3817
Blz: 241 510 05
IBAN DE 82241510051210013817
BIC NOLADE21STS

Mehr Infos zu den Spenden

Projektpartner

Newsletter abonnieren

Helfen SIE mit!

Kinder brauchen Geborgenheit!

Die Stiftung "für Kinder" hilft mit,  die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Helfen Sie uns zu helfen!

Ihre Spende "für Kinder"

In den Medien

Presse - JSB31-fotoliaBerichte, Analysen, Reportagen in Zeitungen, Magazinen, Funk und TV über Familie, Bindung, Kinder.

www.fuerkinder.org/kinder-brauchen-bindung/in-den-medien

Was? Wie? Warum?

Die Zukunft der Kinder ist unsere Verantwortung! Was das heisst und wie die Stiftung das umsetzen will lesen Sie

Über die Stiftungsinitiative 

Experten-Meinungen

Stellungnahmen, Manifeste, Positionsbesimmungen von Experten und Organisationen.

Experten meinen ...

Buggy-Aktion

Verkehrte Welt bei den Buggys für die Kleinsten. "Offener Brief" an die Hersteller. Auf Ihre Unterschrift kommt es an!
Alles über die Buggy-Aktion

 

Netzwerke

RSS | Impressum | Shop-AGB | © Wolfgang Bergmann Stiftungsinitiative, 2012