Weinen ist der Luxus der Kinder, die sich im Schutz einer sicheren Bindung wissen

Stefanie SelhorstZwei knapp vierjährige Jungen kehren mit großen Besen verstreute Maiskörner zu einem Haufen in der Mitte des Kindergartenraums zusammen. Ich, ihre Kindergärtnerin trete, trotz bester Vorsätze,  im Laufe des Vormittags doch irgendwann ausversehen in den Kehrichthaufen, während ich einem anderen Kind schnell zur Hilfe eile. Leo, einer der beiden kleinen Straßenkehrer, meint etwa zehn Minuten später: „Frau Selhorst, ich möchte von Dir erst eine Entschuldigung hören!“ „Na ja, es ist nicht die Aufgabe des Kindes mich zu lenken“, denke ich und arbeite weiter. Doch der Kleine findet keine Ruhe und droht zum Abschied: „Wenn ich keine Entschuldigung höre, dann komm ich morgen nicht wieder.

Stunden später, jenseits des Trubels, denke ich nach.

Mein erster Impuls, den Kleinen aufgeweckt zu finden und seine Orientierung im zwischenmenschlichen Gefüge der Erwachsenenwelt anzuerkennen, trübt sich zunehmend ein. Ich werde traurig und denke: „Leo ist gerade eben vier geworden und seine Kindheit scheint schon gelaufen zu sein.“ Was genau drückt er denn aus?

Zunächst einmal fühlt er sich latent bedroht. Das zeigt mir seine Wachsamkeit. Umgekehrt ausgedrückt: Nur die streng formale Anpassung aller Beteiligten an seelenlose soziale Spielregeln verleiht ihm ein Gefühl von Sicherheit und Halt.

Gefühle gefangen hinter den Gittern der sozialen Spielregeln

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass er keineswegs von seinen Gefühlen spricht, sondern von der Sinneswahrnehmung Hören. Das Hören, als sinnliche Bedingung, liegt weit vor der Schwelle des Fühlens. Der Zugang zu meinem Fühlen von Schuld und auch der zu seinem Fühlen von Trauer um die Unversehrtheit des Kehrichthaufens wird durch das Wort „Entschuldigung HÖREN“ versperrt. Die Beziehung durch das Fordern einer seelenlosen Floskel ersetzt.

Wir beide, Leo und ich finden in dieser Situation nicht zueinander, so oder so. Hätte ich mich entschuldigt, so währen wir jenseits des Fühlens geblieben. Aber auch und trotz des Nicht-Entschuldigens bleibt jeder von uns beiden für sich. Mein Gefühl, dass ich nicht schuldig bin und mich nicht entschuldigen muss und seine nicht gefühlte Trauer um die Unversehrtheit seiner Arbeitsleistung stehen beziehungslos nebeneinander und sind getrennt durch die Forderung: „Hören!“ 

Das Kind verlangt nämlich keinesfalls, dass ich mich tatsächlich schuldig fühle, es fordert eine Floskel, sei sie nun wahr oder unwahr. Nur dann fühlt es sich sicher. Tragisch ist dieses „Gesellschaftsspiel“ eines Vierjährigen deshalb, weil es ihm den Zugang zu seinen eigenen Gefühlen der Verletzlichkeit versperrt. Leo könnte nämlich, würde er seine Trauer fühlen, an dem Geschehen durchaus reifen und erstarken.

Leo kann sich seinem Schmerz nicht stellen

Wie das geschieht, erklärt keiner so gut wie der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld. Hätte Leo ein weiches und verletzliches Herz, so wäre er wegen der Verletzung seines Arbeitsergebnisses in Tränen ausgebrochen. Er hätte sich seinem Schmerz gestellt, wäre von mir getröstet worden. Irgendwann einmal, wäre ein kleiner Schauer durch den kleinen Körper gegangen und er hätte tief ein- und dann wieder ausgeatmet. Nein, der Kehrichthaufen wäre dadurch nicht wieder in seine ursprüngliche Form zurückgekommen. Die Vergeblichkeit dieses Unterfangens wäre aber indes ganz tief in die kindliche Seele eingesunken, und er hätte sich danach dennoch frisch gestärkt Neuem zugewandt. Dieses Neue wäre mitunter durchaus das gewesen, wonach der Bildungsökonom lechzt, ein Zuwachs an Erfahrungen, Lernen.

Diese elementare Erfahrung von Trauer und dem Einsinken der Vergeblichkeit ist die Voraussetzung für das nachfolgende Gefühl einer ganz neuen Orientierung, eines Neubeginns. So nach dem Motto: „Das habe ich jetzt überlebt. Was kommt als nächstes dran?

Das Weinen ist der Luxus derjenigen Kinder, die sich im Schutz einer sicheren Bindung wissen und deshalb auch keine sozialen Floskeln einfordern müssen. Leo hingegen weint nicht, er stellt formale Forderungen. Gerade weil er den Schutz entbehren muss, ist er existenziell auf den Panzer der sozialen Floskel angewiesen. Das tatsächliche Fühlen der eigenen Verletzlichkeit ist, wie Neufeld erforscht, eine Frucht der Bindung. Reif wird das Kind, das tief fühlt, dadurch verletzlich wird und sich dennoch auf den bedingungslosen Schutz und den Trost der für ihn zuständigen Erwachsenen verlassen kann.

Das Reifen gerade der "aufgeweckten" Kinder ist am stärksten gefährdet

Nun endliche entscheide ich mich dagegen, Leo als einen aufgeweckten Jungen einzustufen. Unsere Gesellschaft mit ihren Forderungen nach frühkindlicher Bildung findet sich in der paradoxen Situation, dass die auf den ersten Blick „aufgeweckt“ erscheinenden Kinder, diejenigen sind, deren Reifwerdung am stärksten gefährdet ist. Meine Trauer um die Kindheit des kleinen Leo ist durchaus berechtigt.

Lesen sie im nächsten Beitrag, wie ich Leo bei unserem nächsten Zusammentreffen begegne.

Stefanie Selhorst
studierte Englisch und Kunst, wurde Redakteurin und dann erzog sie drei Kinder. Heute betreut sie in einem Kindergarten eine Werkstatt für 4- bis 6-jährige. Sie ist Montessori-Pädagogin, Buch-Autorin ("nur - essay zum beruf" und zusammen mit Michael Miedaner „Eltern wollen Nähe: Verteidigung einer Sehnsucht“) und betreibt einen Malort nach Arno-Stern, der sie auch ausgebildet hat.
Ihr Blog "Eltern wollen Nähe"

Kontakt: stefanie.selhorst(at)online.de


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