Stellt die Frühe Kindheit Weichen? - Was wissen wir heute und was noch nicht?

"Je mehr wir wissen, umso mehr wissen wir, was wir noch nicht wissen"

Nationales Zentrum Frühe HilfenEine Zwischenbilanz der „Frühen Hilfen“ versuchte der Kongress „Stellt die Frühe Kindheit Weichen?“  in der Universität Heidelberg im September 2016– verbunden mit der Verabschiedung eines der führenden Köpfe der vorbeugenden Hilfe für Eltern und Kinder, Prof.  Dr. Manfred Cierpka, als Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin, Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie.

Zu einigen der Vorträge bekannter deutscher und internationaler Wissenschaftler zu den Bedingungen frühkindlicher Entwicklung bei diesem Kongress:

Manfred Cierpka - Helfen von Anfang an - Psychosoziale Prävention

Vorbeugen ist besser als heilen!“ Trivial, aber im Falle frühkindlicher Entwicklung, des Gelingens oder Misslingens der Persönlichkeitsbildung mit den Folgen für die psychische und physische Gesundheit im Jugend- und Erwachsenenalter, ist der Satz von besonderem Gewicht. Tatsächlich werden in der frühen Kindheit, ja bereits während der Schwangerschaft, Weichen gestellt, die sich später kaum noch oder unter erheblichem Aufwand umstellen lassen. Es muss also darauf ankommen, die Bedingungen für die richtige, angemessene „Weichenstellung“ für jedes einzelne Kind unter besonderen Umständen sicher zu stellen.

Die besonders enge Verbindung von Mutter und Kleinkind, beginnend lange vor der Geburt, steht dabei zunächst im Vordergrund. Babys entwickeln sich, lernen ihre Umwelt begreifen und „bearbeiten“ im ständigen Dialog mit der Mutter – notfalls aber durchaus auch mit einer anderen, immer präsenten, ständig verfügbaren Bezugsperson. Die Qualität dieser Beziehung „stellt die Weichen“ in der frühen Kindheit.

Hilfen für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung

Die Unterstützung einer gelingenden Mutter-Kind-Beziehung, die Hilfestellung bei  besonderen Belastungen und Fehlentwicklungen „von Anfang an“,  war und ist das besondere Anliegen von Prof. Dr. Manfred Cierpka, der mit diesem Kongress „Stellt die frühe Kindheit Weichen?“ als Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin, Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung
 und Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg verabschiedet wurde.

Sein Rückblick auf eine Karriere im wissenschaftlichen Dienst an der  Familie war gleichzeitig ein (selbst-)kritischer Blick auf ein Viertel  Jahrhundert Entstehungsgeschichte der „Frühen Hilfen“. 

Start mit Hilfen zur Aggressions-Bewältigung

Psychosoziale Prävention, vorbeugende Hilfe und Eingriffe zur Eindämmung von Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigungen statt nachträglicher Rettungsversuche für „in den Brunnen gefallene Kinder“ - und ihre Eltern – war schon das Motiv des Aggressions-Projekts „Faustlos“ der Beratungsstelle „Kinder und Gewalt“ an der Universität Göttingen Anfang der  90ger Jahre.  Gemeint war hier sowohl physische als auch psychische Gewalt von und an Kindern. Dahinter stand die Erkenntnis – inzwischen auch von der aufkommenden Hirnforschung bestätigt – dass seelische Grausamkeit die gleichen Schmerzen verursacht wie körperliche Gewalt.

Vermittelt vor allem über LehrerInnen und ErzieherInnen sollten in diesem Projekt  Empathie, Impulskontrolle, das Lösen von Konflikten und das Regulieren heftiger Gefühle gelernt werden, nicht anders als das Lernen von Lesen und Schreiben.  
Mit den Erfahrungen aus diesem Projekt, gleichzeitig aber auch mit der Einsicht, dass die Hilfe oft zu spät kam und die Eltern nur schwer eingebunden werden konnten, entstanden noch vor der Jahrtausendwende an der Universität Heidelberg Beratungsprojekte mit der Konzentration auf Kinder von null bis drei Jahren und deren  Eltern, vor allem für die Mütter bereits während der Schwangerschaft. 

Der Elternkurs „Das Baby verstehen“ sollte den Eltern helfen, die Signale ihres Babys richtig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren. Mit dem Einsatz von Video-Aufnahmen wurde die Eltern-Kind-Beziehung beobachtet,  gemeinsam mit den Eltern analysiert und so Schritt für Schritt verbessert.

"Aufsuchende Hilfe" - Die Mütter abholen - Erfolge und Grenzen

Mit dem Projekt „Keiner fällt durchs Netz“  in zwei Landkreisen in Hessen, im gesamten Saarland und in der Stadt Heidelberg  und ab 2005 in den „Frühen Hilfen für Eltern und Kinder und Soziale Frühwarnsysteme“ rückt die „aufsuchende“ Hilfe in den Vordergrund, die Identifikation und direkte Ansprachen besonders belasteter Mütter und Eltern. Mit dem Einsatz qualifizierten Personals, vor allem von „Familienhebammen“, konnte nicht nur die Qualität der „aufsuchenden“ Beratung verbessert sondern zunehmend auch das Vertrauen der besonders betroffenen Mütter/Eltern gewonnen werden.

Von Anfang an wissenschaftlich begleitet – wie ähnlich auch andere Projekte im Rahmen der „Frühen Hilfen“ – konnten immer wieder Korrekturen angebracht  und die Probleme bei der rechtzeitigen Diagnose und Prävention von psychischem Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung gemindert werden. Die wissenschaftliche Begleitung und damit die Untersuchung der Wirkung und der Wirksamkeit der Projekte zeigte und zeigt  aber auch die Grenzen einer psychosozialen Intervention und Prävention. (Hier der „Bilanzbericht 2007-2011“ und die „Wirkungsevaluation »Keiner fällt durchs Netz«“).

Die Bündelung der verschiedensten Hilfe-Programme und Modelle bundesweit und die effiziente Vernetzung möglichst aller an der Familienbetreuung und Kinderschutz beteiligten Hilfesysteme auf lokaler Ebene ist seit 2007 Aufgabe des „Nationalen Zentrum Frühe Hilfen“, getragen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem Deutsche Jugendinstitut (DJI) und begleitet von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem Prof. Cierpka über viele Jahre eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Sabina Pauen - Sensible Entwicklungsfenster in den ersten Lebensjahren

Beispiele, Erklärungen, Implikationen

Was Hänschen nicht lernt …“ Der Mensch entwickelt sich von der ersten Zellteilung an nach einem genetisch vorgegebenen „Bauplan“.  Aber schon früh, bereits im Mutterleib, wirken äußere Einflüsse auf diese Entwicklung ein, auf die Zusammensetzung der „Bauteile“, ihre Verbindungen untereinander und ihre Funktionsweise. Am dramatischsten geschieht das in der frühen Kindheit in Entwicklungsschritten, in denen bestimmte Kompetenzen gelernt und eingeübt werden.

Gibt es also klar umrissene Entwicklungs-Phasen und Lern-Fenster? Was muss in diesen Abschnitten passieren? Und wenn das nicht geschieht, schließt sich dann das Fenster dann für immer?

Lassen sich "Entwicklungs-Zeitfenster" verbindlich bestimmen?

Die Heidelberger Einwicklungspsychologin Prof. Sabina Pauen setzte sich in ihrem Vortrag kritisch auseinander mit der Möglichkeit zur Abgrenzung solcher Zeitfenster und den Prozessen innerhalb dieser „Fenster“.

Die Entwicklung des Gehirns bietet dafür ein anschauliches Beispiel. In jeder Entwicklungs- und Reifungsphase stellt die Natur eine Überfülle an „Baumaterial“, den Neuronen, zur Verfügung, die sich mit wachsender Komplexität miteinander verbinden, „verschalten“, Informationen austauschen, weiterleiten und verarbeiten.  Mit den wachsenden körperlichen Fähigkeiten steigen auch im Wechselspiel die Anforderungen an diese Prozesse im Gehirn.

Wie aber, wann und in welchem Umfang das Gehirn gefordert wird, hängt wesentlich ab von der Umwelt, in der der kleine Mensch heranwächst. Und diese Anforderungen bestimmen wiederum,  welche der unendlich vielen und nach der Geburt explosionsartig  anwachsenden „Verschaltungen“ im Gehirn tatsächlich genutzt und „trainiert“ werden.

Auf Dauer ungenutzte „Hirnressourcen“  werden entsorgt, Fähigkeiten gehen verloren. Für das richtige Lernen im rechten Moment ist eine anregende Lernumgebung also von ausschlaggebender Bedeutung – mit lebenslangen Konsequenzen.  

Bleibende Unsicherheiten und Missverständnisse beim "Fördern"

Prof. Pauen weist allerdings darauf hin, dass die Vielzahl der Einflussfaktoren, die zudem keineswegs alle bereits bekannt seien, eine genaue Abgrenzung dieser „Fenster“ verhindere. Eine vielleicht noch wichtigere Konsequenz erwähnt sie allerdings nur am Rande: Eltern und manche Pädagogen missverstehen die Bedeutung der Entwicklungsfenster und der wichtigen Lernumgebungen und  –Impulse und versuchen, die Kinder mit immer mehr Angeboten zu „fördern“.  Im Ergebnis erreichen sie damit oft genug das Gegenteil, Überfütterung, Überforderung und Lern-Blockaden.

Seit die frühkindliche Entwicklung seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts immer stärker in Fokus der Wissenschaften unterschiedlicher Disziplinen gerückt ist, wächst das Wissen um Einflussfaktoren und deren Zusammenspiel ebenso wie um den Verlauf dieser Entwicklung in einzelnen, mehr oder weniger abgrenzbaren Phasen. Was passiert, wann, im Körper des Kindes vor und nach der Geburt und welche Rolle spielen dabei die äußeren Bedingungen, die Lebensumwelt des Kindes, von der Beziehung zur Mutter und anderen Bezugspersonen über die soziale Situation der Familie bis zu Nachbarschaft und Kita und Schule.

Marinus H. van IJzendoorn - Wie sich Gelerntes vererbt - Epigenetik

„Ererbt oder gelernt?“ Die Antwort der modernen neurobiologischen und biopsychologischen Forschung auf diese uralte Frage: „Beides!

Einer der international renommiertesten  Kinder- und Familien-Forscher im noch jungen Feld der EpigenetikProf. Marinus H. van IJzendoorn von der Universität Leiden, erläuterte in seinem Vortrag, warum das so ist und was wir bisher darüber wissen.

Obwohl sich die genetische Grundausstattung des Menschen von Geburt an kaum verändert, können sich etwa eineiige Zwillinge aufgrund unterschiedlicher Lebensumstände und Erfahrungen völlig unterschiedlich entwickeln. Der Grund: Weniger die Gene selbst als vielmehr die biochemischen Prozesse, die das Funktionieren der Gene regeln, Gene aktivieren aber auch abschalten und stilllegen können,  werden von der Umwelt, von den individuellen Impulsen, Beziehungen und Erlebnissen unmittelbar beeinflusst. Unterschiedliche Reaktionsweisen, ja Charaktermerkmale entstehen, die ihrerseits auch wieder vererbt werden können. Diese Veränderungen geschehen beim Menschen ein Leben lang, aber in weitaus größtem Umfang in der frühen Kindheit.

Zuwendung oder Vernachlässigung im frühen Kindesalter prägt noch Verhaltensweisen Erwachsener

Die dafür verantwortlichen biochemischen Prozesse sind in den vergangenen Jahren vor allem in Tierversuchen Stück für Stück, aber bei weitem noch nicht vollständig, entschlüsselt worden.  Dabei wurden wesentliche Erkenntnisse der Bindungsforschung bestätigt.  Wie etwa bei Mäusen Zuwendung oder Vernachlässigung durch die Mutter die biochemischen Prozesse (Methylierung) im Gehirn der Kinder auf Dauer unterschiedlich prägt, ließ sich im messbaren Verhalten der jungen Mäuse und in modernen Gehirn-Scans nachweisen.

Obwohl die Zusammenhänge beim Menschen komplexer und schwerer zu kontrollieren sind, zeigt sich in labor-ähnlichen Situationen, dass die Anpassung an, und die Verarbeitung von, Stress/Trauma-Situationen einerseits und Lust/Belohnung andererseits die Ausprägung der genetischen Strukturen und damit die Entwicklung persönlicher Verhaltensweisen und Charaktermerkmalen langfristig prägen. 

Das Wissen über Risiko- und Schutzfaktoren als Voraussetzung für Eingriffe in frühkindliche Entwicklung

So belegen Studien die Veränderungen im Gehirn von Kleinkindern bei einer Depression der Mutter oder bei Kindern aus Kriegsgebieten. Aber auch schon Veränderungen in der Mutter-Kind-Beziehung etwa durch lang andauernde Fremdbetreuung schon in den ersten Lebensjahren hinterlassen oft Spuren in der Persönlichkeitsentwicklung, im Selbstwertgefühl, im Umgang mit Belastungen und mit heftigen Gefühlen.

Welche äußeren Einflüsse, Risiko- und Schutzfaktoren, genau zu welchen Erscheinungen führen und warum das so ist, ist erst in Ansätzen erforscht.  Wir wissen, dass Gewalterfahrung, Vernachlässigung, Armut, die Trennung von Bindungspersonen und andere traumatische und Stress-Erlebnisse vor allem im frühen Kindesalter verheerende Folgen haben können und dass solche Ereignisse und Zustände möglichst früh erkannt und korrigiert werden sollten – nicht nur im Interesse des einzelnen Kindes, sondern der Gesellschaft insgesamt. Aber erst die genauen Kenntnisse der epigenetischen Zusammenhänge machen die korrigierenden Eingriffe in die Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen zielgenau möglich.

Sonja Entringer - Auswirkungen lebensgeschichtlich früher Stresserfahrung auf Gesundheit und Krankheitsrisiko

Stress in der Schwangerschaft, Misshandlung und Vernachlässigung gerade der Jüngsten hinterlassen bleibende Prägungen bis ins Erwachsenenalter -  nicht nur in den psychischen und sozialen sondern auch in den Folgen für die Gesundheit und körperliche Integrität

Wie sich solche Erlebnisse vor und nach der Geburt  ausdrücken nicht nur in  verschiedenen Persönlichkeitsstörungen und Reaktionen auf Bedrohungen und Belastungen,  sondern auch in Krankheiten wie Herz-Kreislauf-,  Atemwegs-, Autoimmun-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht  beschrieb die Psychobiologin Prof. Sonja Entringer vom Institut für Medizinische Psychologie der Berliner Charité.

Erst in jüngster Zeit fördert die Forschung immer neue Ergebnisse darüber zutage, wie  Erlebnisse und die Umwelt der Schwangeren sich auf das Ungeborene auswirken können. So erwies sich zum Beispiel die Gebärmutter als wesentlich durchlässiger als früher angenommen für  das Stress-Hormon Cortisol  und damit auch für langfristige Wirkungen von Stress zum Beispiel auf das Immunsystem und die Entwicklung des Gehirns.

Veränderungen der DNA durch Stress in der Schwangerschaft

Vermittelt wird diese Wirkung unter anderem über den Einfluss auf die Telomere, die schwanzförmigen Enden unserer Erbgutfäden, der Chromosomen. Die Länge dieser Telomere hat Bedeutung für die Teilung und das Überleben der Zellen und damit sowohl für das Altern des Menschen als auch für die Entstehung von Krebs oder die Abwehr von Entzündungen.  Andauernder Stress verkürzt die Telomere und damit die Lebensdauer der Zellen auch schon beim Ungeborenen mit weitreichenden Folgen.

Hier wird also durch vorgeburtliche Prägungen bereits die Basis gebildet und verändert, auf der sich die Anfälligkeiten für physische und psychische Krankheiten durch außerordentliche Umweltbelastungen oder die Widerstandsfähigkeit dagegen entwickelt.

Sabine Walper - Belastungs- und Versorgungslagen von Familien mit Säuglingen und Kleinkindern

Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 haben sich die „Frühen Hilfen“ zu einem weit ausgreifenden System, einem Hilfe-Netzwerk für die Unterstützung vor allem hochbelasteter Familie entwickelt.  Zeit also, eine Zwischenbilanz zu ziehen, Art und Ausmaß der Hilfebedürftigkeit von Familien vor, während und in den ersten Jahren nach der Geburt der Kinder zu erheben und näher zu analysieren.  Prof. Dr. Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut (DJI), stellte die ersten Ergebnisse der „Prävalenzstudie“ vor, bei der Eltern von Säuglingen und Kleinkindern in ganz Deutschland zu ihrer Lebenssituation, ihren Ressourcen, Belastungen und ihrem Unterstützungsbedarf befragt wurden.

Wo ist Hilfe am nötigsten? und wo muss sie ansetzten, um zu wirken?

Ziel ist es, Unterstützungsangebote punktgenau zu entwickeln, auszubauen und auf die tatsächlichen Bedarfe von Eltern und Kindern auszurichten. Voraussetzung für vorsorgende Einflussnahme ist die umfassende Analyse des beschleunigten Wandels der Familienformen und des sozialen Umfelds in denen die Kinder aufwachsen. Eine nachträgliche Behandlung der psychischen wie der gesundheitlichen Folgen von Vernachlässigung, Gewalt und anderen Stressfaktoren ist um vieles schwieriger und häufig kaum noch möglich

Als Teil der Bundesinitiative Frühe Hilfen wurden erstmalig für Deutschland repräsentative Daten von insgesamt 9.000 Familien mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren erhoben.  Untersucht  werden die Belastungs-Faktoren, sechs an der Zahl, die nach derzeitigem Wissensstand ein Risiko für  das  gesunde Aufwachsen der Kinder darstellen.

Vor allem das Armutsrisiko und damit verbunden das Bildungsniveau der Familien zeigt sich dabei als bestimmender Einfluss bei all diesen Risikofaktoren.  Sowohl die Elternschaft im Teenager-Alter als auch (postpartale) Depression und Gewalt in der Partnerschaft traten wesentlich häufiger auf bei Eltern in Armut als bei besser gestellten Familien. Mütter in Armut erlebten ihre Elternschaft deutlich häufiger als Belastung und Einschränkung und machten sich mehr Sorgen um die Entwicklung ihrer Kinder. 

Die Gefährdung der kindlichen Entwicklung steigt exponentiell mit der Zahl der Risikofaktoren

Da es bei den „Frühen Hilfen“ vor allem um frühzeitige, präventive und stützende Eingriffe in die Eltern-Kind-Beziehung geht, untersucht die Studie auch, ob und in welchem Umfang gerade die hochbelasteten Familien von diesem Angebot tatsächlich Gebrauch machen und auf welchem Wege diese Familien am besten erreicht werden können.

Gottfried Spangler - Die Entwicklung von Kindern bei unterschiedlicher familiärer Belastung

Die gelungene Bindung vor allem des Säuglings und Kleinkinds an die Mutter, den Vater und/oder ersatzweise eine andere, ständig verfügbare Bezugsperson spielt eine zentrale Rolle in der frühkindlichen Entwicklung und darüber hinaus. Ungünstige Umweltfaktoren, vor allem die unsichere, belastete Situation der Familie, wirken sich, vermittelt über das Verhalten der Eltern oder Bezugspersonen, negativ auf die Persönlichkeitsbildung der Kinder aus.  Dennoch sind die Reaktionen der Kinder auf negative wie positive Einflüsse von außen durchaus unterschiedlich.

Was macht Kinder widerstandsfähig gegen äussere Belastungen?

Der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Gottfried Spangler von der Universität Erlangen-Nürnberg analysierte in seinem Vortrag die Faktoren, die dabei  eine Hauptrolle spielen.  Wenn das Umfeld der Kinder, etwa eine sozialpsychologisch hochbelastete Familie, bei einem Kind zu massiven Verhaltensstörungen  führt, kann ein anderes Kind die gleiche Situation ohne erkennbare psychische oder physischen Schäden durchleben.

Die Frage ist also: Was schützt ein Kind vor solchen negativen Einflüssen, was verstärkt seine Widerstandsfähigkeit gegen solche Einflüsse? und was verstärkt im Gegensatz dazu die deformierende Wirkung auf die kindliche  Entwicklung? Was sind die wirksamen Schutz- und was die Risikofaktoren dabei? Was verstärkt für das Kind den Stress einer belastenden Situation und was dagegen puffert diese Belastung ab?

Die wichtigste Erkenntnis: die Verbindungen zwischen den ausgemachten Wirkfaktoren ist keine Einbahnstraße, alle diese Faktoren stehen in einer Wechselbeziehung zueinander.

Die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung

Der Zusammenhang zum Beispiel zwischen dem Aufwachsen in einer besonders belasteten Familie und den Phasen und Ergebnissen der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes wird verstärkt oder abgefedert durch die gelingende oder misslingende Mutter/Eltern-Kind-Bindung, die wiederum beeinflusst wird durch die Charaktere und die eigenen Probleme der Eltern,  das „ererbte“  Temperament des Kindes und die Art des Umgangs der Eltern mit dem Kind.

Die Art der Bindung (sicher, unsicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorientiert gebunden) wiederum entscheidet ganz wesentlich über die Fähigkeit des Kindes, sich auf die „Welt“ neugierig einzulassen und dabei auch Rückschläge und Enttäuschungen wegzustecken und negative Emotionen zu verarbeiten („Regulation“). Die Fähigkeit zur Regulierung und Beherrschung der eigenen Emotionen ist dann wieder  entscheidend für die Fähigkeit des Kindes bis ins Erwachsenenalter, sich in seiner sozialen Umwelt zurechtzufinden und zu behaupten.

In einer graphischen Darstellung verdeutlichte Prof.  Spangler diese Wechselbeziehungen:

Bei den Versuchen, durch Beratung und „Frühe Hilfen“ die Entwicklung des Kindes in der Familie „von Anfang an“ trotz widriger äußerer Umstände vor allem durch Einfluss auf die Mutter-/Eltern-Kind-Beziehung positiv zu gestalten, müssen diese Wechselwirkungen berücksichtigt und ins Kalkül gezogen werden. Solche Interventionsprogramme müssen daher einen „langen Atem“ haben, wenn sie dauerhaft Wirkung haben sollen.

Amanda Jones - Hilfe bei frühkindlicher Traumatisierung

Menschliche Neugeborene sind vergleichsweise sehr hilflos und unentwickelt. Daher sind die ersten Monate als eine Fortführung der Schwangerschaft gedacht. Die körperliche und emotionale Nähe der Mutter bietet Schutz und Rückhalt sowie das Teilen von Welterfahrungen und, sehr wichtig, das Erleben und Erlernen von Freude.

Wenn die Mutter aufgrund eigener Traumatisierung versagt ...

Die Fähigkeit von Müttern, diese wichtige und natürlicher Weise angelegte Rolle einzunehmen, wird durch die Kultur in den westlichen Industrienationen kaum gefördert, oft sogar untergraben, und sie kann durch eigene Traumatisierung sogar so gestört sein, dass eine Mutter, ohne dies zu beabsichtigen oder auch nur zu bemerken, ihr Kind vernachlässigt und misshandelt. Ungünstige Vorerfahrungen, wie der Verlust von Elternteilen durch Tod oder Scheidung, können sich dergestalt in die Seele eingraben, dass das eigene Baby als Bedrohung erlebt und bekämpft werden muss.

Als besonders ungünstig wirken sich Mütter aus, die unempathische und/oder übergriffig agieren sowie Väter, die sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind und Mühe haben, ihre Gefühle bzw. das daraus resultierende Verhalten zu kontrollieren, und die daher zu Gewalttätigkeit neigen. Eltern, die blind gegenüber ihren eigenen Bedürfnissen sind, haben auch kein Sensorium für die Bedürfnisse ihrer Kinder.

Eine Fallstudie macht die Opferrolle von Mutter und Kind deutlich

Im Hauptteil ihres Vortrags ("Clinical Intervention after Traumatisation of Infants") zeigte Dr. Amanda Jones vom Perinatal Parent Infant Mental Health Service, North East London NHS Foundation Trust  Videosequenzen einer 24-jährigen Mutter, die ihr 4. Kind, es ist ca. acht Wochen alt, mit der Flasche zu füttern versucht. 

Die junge Frau stammt aus einem zerbrochenen Elternhaus, sie hat multiple Heim- und Pflegefamilienerfahrungen,  war schon als Teenager drogensüchtig und relativ früh schwanger geworden.  Ihre drei älteren Kinder sind auf Veranlassung des Jugendamts bereits in Pflegefamilien untergebracht.  Jetzt hat sie wieder ein Baby, welches ernste Gedeihstörungen zeigt, so dass der Verdacht besteht, dass die Mutter mit dem Füttern ihres Säuglings nicht zurecht kommt.

Eindrucksvoll wurde dem Auditorium die Zeichen für misslingende Kommunikation zwischen Säugling und Mutter demonstriert, Anzeichen für unterentwickelte Empathie auf seiten der Mutter, aber auch die Möglichkeiten, in einem langsamen Prozess vorsichtiger Feedbacks auf eine Verbesserung der Mutter-Kind-Interaktionen hinzuwirken.

Wichtigster Heilungsfaktor ist die emotionale Erinnerung. Es reicht nicht aus, sich zu erinnern, was geschehen ist. Unentbehrlicher Bestandteil einer erfolgreichen Therapie ist es, sich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat.

Ein Bericht zum Kongress "Stellt die Frühe Kindheit Weichen?" im Deutschlandfunk:

Deutschlandfunk - Stellt die Frühe Kindheit Weichen?
www.deutschlandfunk.de/fruehe-kindheit-eine-entscheidende-entwicklungsphase.1148.de.html


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